Tour de Suisse

Stefan Küng setzt das rot-weisse Ausrufezeichen

Rang 5 in der Gesamtwertung: Stefan Küng hat in der vergangenen Woche selbst am Berg mit den Besten mitgehalten. Bild: Keystone-SDA

An der 85. Auflage der Tour de Suisse setzt sich erstmals ein Brite durch, Geraint Thomas beschert Ineos den dritten Gesamtsieg in Serie. Schweizerseits wird der nicht mehr ganz so glorios wie im Vorjahr ausgefallene Auftritt von Stefan Küng überstrahlt. Dem Thurgauer eröffnen sich neue Perspektiven.

Bereits vor den Klassikern im Frühling hatte Küng vor Zuversicht gesprüht. „Ich fühle mich so gut wie nie“, sagte er damals, ehe er sich mit einem 3. Rang beim Klassiker Paris-Roubaix belohnte. Und auch damals schon fiel auf, dass er in Bergetappen deutlich länger als in früheren Jahren mit den Besten mithalten konnte.

Nun bestätigte Stefan Küng in der vergangenen Woche, dass er in diesem Jahr so stark bergauf fährt wie noch nie zuvor. „Ich habe mich selbst überrascht und sicher auch viele andere Leute“, so Küng, der das Podest im Schlussklassement letztlich nur um gut eine Minute verpasste. Auch wenn ihm im abschliessenden Zeitfahren der erste Saisonsieg vergönnt blieb, der 28-Jährige freute sich dennoch über seine „grossartige“ Tour de Suisse.

In fünf von acht Etappen fuhr Küng in die Top 10. Und in den beiden Bergetappen mit den langen Steigungen hielt das Schwergewicht – mit 80 kg ist er deutlich schwerer als alle Kletterspezialisten – zudem lange mit den Besten mit. Am Ende fehlte dem schweizerisch-liechtensteinischen Doppelbürger in seiner zweiten Heimat nur die Krönung.

Normalerweise gönnt sich Küng vor Zeitfahren an Rundfahrten ein, zwei ruhigere Tage. Weil aber plötzlich unerwartet das Podest lockte – es wäre das erste eines Schweizers seit Mathias Frank vor acht Jahren gewesen -, ging Küng auch bei den Bergankünften auf der Moosalp und nach Malbun an oder gar über sein Limit.

Als Ausrede wollte Küng dies nicht gelten lassen. Eine Erklärung für die zweite Niederlage in diesem Jahr gegen Evenepoel nach der Algarve-Rundfahrt kann es aber dennoch sein. Denn Küng erzählte, dass er im zweiten Teil des Zeitfahrens „im tiefroten Bereich“ gewesen sei. Bei der Zwischenzeit hatte Küng noch zwei Sekunden vor Evenepoel geführt.

„Ich dachte während des Zeitfahrens an den Kleinen, der gewartet hat, bis die Tour de Suisse vorbei ist. Ich wollte den Sieg auch für meine Familie holen, leider hat es nicht geklappt“, so Küng. Seine Frau ist hochschwanger, der eigentliche Geburtstermin schon einige Tage vorbei. Es war deshalb unklar, ob Küng die Tour de Suisse überhaupt zu Ende fährt.

Die Familie, sie steht nun in Küngs Fokus – aber nur für gut eine Woche. Denn dann steht bereits die Tour de France im Programm, der Höhepunkt des Jahres für Küngs französische Mannschaft Groupama-FDJ und auch für den Zeitfahren-Europameister selbst. Den Sieg in der 13 km langen Prüfung gegen die Uhr zum Auftakt in Kopenhagen strebt Küng mit Vehemenz an.

Auch wenn er sich Remco Evenepoel – das belgische Supertalent gewann erstmals ein Zeitfahren auf der World Tour – um elf und Geraint Thomas um acht Sekunden geschlagen geben musste, auf die Frankreich-Rundfahrt mit dem Start in Dänemark blickt Küng dennoch voller Zuversicht: „Der ganze Fokus dieses Jahr richtet sich auf die Tour de France. In dem Sinn war die Tour de Suisse ein Schritt im Aufbau. Jetzt gilt es, sich gut zu erholen, dann kommt es richtig gut.“

Die Schweizer Radprofis verpassten an ihrem Heimauftritt im Gegensatz zum Vorjahr, als durch Küng, Stefan Bissegger und Gino Mäder gleich drei Siege herausschauten, einen Etappensieg. Das trübt die Bilanz aber nur auf den ersten Blick. Denn trotz des coronabedingten Ausscheidens von Marc Hirschi und Mäder reichte es mit Küng für eine Top-10-Klassierung im Gesamtklassement.

Die Gesamtwertungen waren für Küng bisher einzig bei mehrheitlich flachen Rundfahrten wie der Benelux-Tour (als Dritter 2020 und Fünfter 2021) ein Thema. Dank seiner grossen Fortschritte am Berg kann Küng auch bei Rennen wie der Tour de Suisse nicht nur auf Etappensiege zu setzen – gute Aussichten für die Schweizer Radprofis und die Tour de Suisse.

Text: Keystone-SDA

Michael Albasini über den Auftritt des Swiss Cycling-Teams

Die Tour de Suisse 2022 ist Geschichte – wie fällt die Bilanz aus der Sicht des Nationaltrainers aus?
Michael Albasini: Ich bin mit den Jungs zufrieden. Wir haben uns gezeigt, wir sind offensiv gefahren. Es dauerte eine Weile, bis wir für unser Engagement resultatmässig belohnt wurden – wir haben uns sehr über den 7. Platz von Roland Thalmann auf der Moosalp gefreut. Die Etappe war schwierig, er hat das wunderbar gemacht.

Was nehmen die sieben Athleten aus dieser Tour mit?
Sehr viele Eindrücke und Erfahrungen, das gilt vor allem für Robin Froidevaux und Simon Vitzthum, welche ihre erste Rundfahrt auf diesem Level bestritten. Sie haben Mass genommen, und werden sich auf ihrem Weg stets in diese erste Tour de Suisse erinnern. Simon war zweimal in der Fluchtgruppe und hat ein gutes Zeitfahren gezeigt; das wird sein Selbstvertrauen stärken. Roland Thalmann hat realisiert, dass er auch auf diesem Niveau mithalten kann. Ich denke, dass jeder etwas Positives mitnehmen wird – und damit meine ich nicht den Corona-Test (schmunzelt).

Lukas Rüegg musste die Rundfahrt wegen eines positiven Tests wie so viele andere Konkurrenten aufgeben, zudem wurde die Schweiz in der Tour-Woche zum Backofen. Hast du als Aktiver jemals eine vergleichbare Tour de Suisse erlebt?
Einmal war es richtig heiss, aber ich glaube nicht, dass dies während der ganzen Woche der Fall war. Aber ich kann mich gar nicht mehr so gut erinnern, ich habe wahrscheinlich einfach zu viele Tour des Suisse bestritten.

Die Saison ist voll im Gang – wie geht es weiter?
In der nächsten Woche finden in Steinmaur die Schweizer Meisterschaften statt, danach kommen schon die Nachwuchseuropameisterschaften in Portugal. Und auch die European Championships in München sind nicht mehr weit weg. Langeweile kommt sicher keine auf.

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