Jugend+Sport

Sich im Sport und als Mensch entfalten

Es geht nicht ausschliesslich um Leistung: Bei Zusammenzügen von Nachwuchskadern lassen sich auch psychosoziale Kompetenzen vermitteln. Bild: Swiss Cycling

Junge Sportlerinnen und Sportler sind häufig verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt. Jugend+Sport misst dieser Problematik in seiner neuen Ausbildungsphilosophie hohe Bedeutung bei. Ziel ist, die Leiterinnen und Leiter für diese Missstände zu sensibilisieren und die psychosozialen Kompetenzen der Teilnehmenden zu entwickeln.

Matthias* ist seit seiner frühen Kindheit leidenschaftlicher Velofahrer. Seine Trainer sind sich darin einig, dass sein Talent nicht zu übersehen ist. Als 15-Jähriger verfügt er über so viel Potenzial, dass er eine Profikarriere ins Auge fassen könnte. Doch aufgrund seiner Verschlossenheit fällt es ihm schwer, sich in der Gegenwart von Mitgliedern seines Clubs oder des regionalen Trainingszentrums wohlzufühlen. Matthias sondert sich ab. Schlimmer aber noch ist, dass sich seine Trainingskollegen über ihn lustig machen und ihn nicht in ihre Gruppe aufnehmen. Diese psychische Gewalt hindert Matthias daran, sein volles Potenzial zu entfalten; sie bremst seine sportliche, aber auch seine persönliche Entwicklung.

Gewalt unter jungen Sportlerinnen und Sportlern – ob psychisch oder physisch – ist leider kein Einzelfall. Im Rahmen einer noch nicht veröffentlichten Studie des Instituts für Sportwissenschaften der Universität Lausanne (ISSUL) haben 20,3 Prozent der befragten Jugendlichen, die vor ihrem18. Lebensjahr vereinsgebundenen Sport betrieben haben, erklärt, psychische und physische Gewalt erfahren zu haben, während 15,5 Prozent sexueller und psychischer Gewalt und 15,5% allen drei Formen von Gewalt ausgesetzt waren. Die psychische Gewalt wurde dabei als häufigste Form identifiziert. Weil Missbrauchsfälle in verschiedenen Sportarten immer häufiger aufgedeckt werden, stellt sich die Frage, wie sich diese Gewalt unter jungen Sportlern erkennen und verhindern lässt.

Warum psychosoziale Kompetenzen wichtig sind

Sport ist eine Schule fürs Leben. Er soll der harmonischen und gesunden Entwicklung junger Menschen einen angemessenen Rahmen bieten. Vor diesem Hintergrund fällt den Leiterinnen und Leitern häufig eine Rolle zu, welche den rein sportlichen Rahmen übersteigt. Neben den körperlichen Fähigkeiten ermöglicht gemeinsamer Sport, psychosoziale Kompetenzen auszubilden. Bedauerlicherweise werden solche Kompetenzen allzu häufig dem Leistungskult untergeordnet. Um die gesunde Entwicklung junger Sportler zu fördern und Jugendlichen wie Matthias beizustehen, hat Jugend+Sport einen der vier Handlungsbereiche in seiner Ausbildungsphilosophie auf diese Problematik ausgerichtet.

Im Handlungsbereich «Fördern», der über die Weiterbildungsmodule für J+S-Leiterinnen und -Leiter in den nächsten beiden Jahren gestärkt wird, liegt der Schwerpunkt auf den Teilnehmenden. Einerseits geht es darum, die persönliche Entwicklung des Teilnehmenden zu unterstützen, indem seine Selbstwahrnehmung verbessert, sein Selbstbewusstsein gestärkt und sein Bewusstsein für die eigene Gesundheit geschärft wird. Andererseits aber auch darum, Beziehungen zu strukturieren und das Team zu festigen. In diesem Fall liegt der Fokus auf den sozialen Interaktionen der Teilnehmenden, indem auf Respekt und Loyalität basierende Beziehungen sowie Vielfalt und Teamgeist gefördert oder Verantwortlichkeiten übertragen werden.

Was zur Folge hat, dass J+S-Leiterinnen und -Leiter, welche diese Weiterbildung absolvieren, ganz besonders auf die psychosozialen Kompetenzen junger Sportlerinnen und Sportler achten. Folglich wird die Leiterperson von Matthias die psychische Gewalt, die Matthias von seinen Kollegen zugefügt wird, rasch identifizieren und verschiedene Methoden anwenden können, damit der junge Sportler wieder seinen Platz in der Gruppe findet (siehe Kasten). Die Umsetzung verschiedener Empfehlungen wird Matthias ermöglichen, die Bande mit seinen Kollegen zu erneuern, aber auch sein Potenzial besser zu nutzen (Fokus auf der Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt, eigene Stressbewältigung, Interaktion mit seinen Teamkameraden usw.). Erst dann wird sich Matthias als Mensch und Sportler entfalten können.

* Matthias, fiktive Person

Praktische Ideen und Anregungen von Julien Bossens

Selbstbewusstsein stärken

  • Die Körperhaltung kann Ausdruck des Selbstbewusstseins sein. Bring Jugendliche dazu, auf dem Velo und im Alltag eine selbstsichere Haltung einzunehmen, d.h., Schultern nach hinten und Brust nach vorne schieben und den Kopf anheben.
  • Bring Jugendliche dazu, die positiven Aspekte im Wettkampf oder im Training zum Ausdruck zu bringen: «Worauf bist du stolz?» «Was hat heute gut funktioniert?»
  • Auch aufrichtige Komplimente können das Selbstbewusstsein stärken. Diese müssen genutzt werden, ohne negative Anmerkungen hinzuzufügen!
  • Individuelle Zielsetzung: Beispielsweise kann auf dem Pumptrack die Rundenzeit gemessen, und im nächsten Anlauf versucht werden, diese Zeit zu verbessern.

Teamgeist fördern

  • Gewöhne dir Begrüssungs- oder Gratulationsrituale an. Checks funktionieren nach wie vor sehr gut!
  • Setze dir gemeinsame Ziele mit anderen, beispielsweise durch Summierung der Kilometer, die von den Jugendlichen deiner Gruppe bei einem Training zurückgelegt werden.
  • Bilde zudem kleine Gruppen, in denen sich die Jugendlichen gegenseitig trainieren.
  • Zeige anhand von Beispielen auf, wann der Sieger eines Rennens ohne die Unterstützung seines Teams nicht gewonnen hätte.

Juien Bossens

Ausbildungsverantwortlicher J+S Radsport und U17-Nationaltrainer bei Swiss Cycling

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