INTERESSENVERTRETUNG

Swiss Cycling tritt für die Interessen der Bikenden in die Pedale

Vom Nischensport zu einer der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen: Die Bikenden wollen, wie die Wandernden, ihren Weg frei wählen können. Bild: Angelo Brack

Im Verlauf des letzten Jahrzehnts hat sich Mountainbiken von einer Nischensportart zu einer landesweit populären Freizeitbeschäftigung entwickelt. Auf politischer Ebene werden die Interessen dieser Massenbewegung nicht annähernd adäquat vertreten. Swiss Cycling ist bestrebt, dieses Vakuum in Kooperation mit nationalen, kantonalen und regionalen Institutionen zu füllen.

Der Siegeszug des Velos ist nicht aufzuhalten – im Gegenteil: Er fährt immer schneller, die motorisierten Bikes wirken als Beschleuniger. Auf der Strasse ist die wachsende Anzahl der Fahrräder für jedermann ersichtlich. Etliche Städte und Agglomerationen haben in Anbetracht der rollenden Pendlerströme bereits reagiert, zuweilen gar noch vor der Verabschiedung des Veloweggesetzes. Die Velos erhalten mehr Platz, die Netze werden ausgebaut – der Wandel zu effizienter und umweltfreundlicher urbaner Mobilität ist im Gang.

Im Wald präsentiert sich die Lage insofern anders, als die Entwicklung in der Regel nur den jeweils Direktbeteiligten vor Augen geführt wird – wenn sich beispielsweise Bikerin und Wanderer in die Quere kommen. Was die Anzahl der Bikenden anbelangt, lässt sich die Situation aber durchaus mit jener auf der Strasse vergleichen. War Mountainbiken zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Nischensport, hat sich die Sparte in den Zehnerjahren zu einer der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Schweizerinnen und Schweizer entwickelt. Der letzte Schub wiederum, auf der Pandemie beruhend, habe dazu beigetragen, die Kapazitäten der schon zuvor intensiv beanspruchten Infrastruktur zu sprengen, sagt Thomas Peter, Geschäftsführer von Swiss Cycling. Was eine wachsende Anzahl von Unstimmigkeiten und Konflikten zwischen den unterschiedlichsten Waldnutzenden zur Folge hat.

Zwei Personen, drei Handlungsfelder

Vor diesem Hintergrund ist Swiss Cycling bestrebt, die Interessen der Mountainbikerinnen und Mountainbiker auf politischer Ebene in einem ungleich stärkeren Mass zu vertreten, als dies bin anhin der Fall war. Traditionelle Waldnutzende wie die Wandernden und die Jagenden seien ausgezeichnet organisiert, sagt Peter. «Die Bikenden hingegen stellen zwar eine sehr grosse Gruppe dar, treten aber nicht vereint auf und finden deshalb bei weitem nicht das ihnen zustehende Gehör.» An diesem Punkt will Swiss Cycling ansetzen – wohlwissend, dass sich nur mit Unterstützung der Community etwas bewegen lässt. «Die Bikenden müssen sich bewusst werden, dass sie sich engagieren, sich uns an­schliessen müssen, damit wir mit ihren Stimmen sprechen können», hält Peter fest.

Konkret werden im Bereich der Interessenvertretung ab Anfang 2023 zwei Personen von Swiss Cycling drei Handlungsfelder bewirtschaften. Auf nationaler Ebene geht es darum, gemeinsam mit Institutionen wie Schweiz Mobil, dem Bundesamt für Strassen (Astra) und der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) die Umsetzung des Veloweggesetzes im Bereich von Unterhalt und Verbesserung der Offroad-Infrastruktur voranzutreiben. Auf kantonaler und regionaler Ebene besteht die Herausforderung darin, Interessenvertretungen aufzubauen oder bestehende Strukturen zu unterstützen, die regionalen Trägerschaften miteinander zu verbinden und auf diese Weise ein wirksames, sofern möglich landesweit tätiges Netz zu knüpfen.

Koexistenz und Toleranz

Das dritte Handlungsfeld ist jenes rund um die Hauptdarstellenden, um die Bikerinnen und Biker. Im Zentrum steht das bereits erwähnte Engagement, der Bereich geht jedoch darüber hinaus. Es gelte, die Bikenden für das Thema zu sensibilisieren, ihnen klarzumachen, wie wichtig die Rücksichtnahme auf die anderen Waldnutzenden und die Einhaltung von Regeln sind, sagt Thomas Peter. «Viele Bikende sind sich gar nicht bewusst, dass sie etwas Verbotenes tun.»

Eines der Hauptziele von Swiss Cycling betrifft die Homologierung von Mountainbike-Trails. «Ziel muss sein, dass ganze Gebiete homologiert werden, nicht nur einzelne Trails. Die Bikenden wollen nicht immer die gleiche Runde fahren, sie wollen ihren Weg frei wählen können. Das ist genau gleich wie bei den Wandernden», hält Peter fest. Im Kanton St. Gallen beispielsweise hat man das Problem registriert. Das homologierte Mountainbike-Netz entspreche nicht mehr den Bedürfnissen der Nutzenden, insbesondere in der Nähe der Zentren werde vornehmlich auf inoffiziellen Routen gefahren, war unlängst im «St.Galler Tagblatt» zu lesen. Und: Das effektiv befahrene Netz umfasse rund 4000 km und sei damit über viermal so gross wie das offiziell existierende Netz. Diese Feststellungen entsprechen den Kernerkenntnissen aus einer im Auftrag des Kantons erstellten Bestandsanalyse. Worauf Daniel Litscher, Projektleiter der St.Galler Fachstelle Fuss- und Veloverkehr, gegenüber der Zeitung nüchtern konstatierte, es herrsche Handlungsbedarf. St. Gallen sei kein Einzelfall, der Kanton spiegle die aktuelle Situation in grossen Teilen des Landes, sagt Thomas Peter.

Für den Geschäftsführer von Swiss Cycling führt der Weg über das gegenseitige Verständnis unter den Anspruchsgruppen, «wenn immer möglich» über Toleranz und Koexistenz. «Wir respektieren die anderen, wir wollen niemandem etwas wegnehmen.» Gleichzeitig habe die Mountainbike-Bewegung eine Dimension erreicht, die es nicht mehr zulasse, ihre Bedürfnisse zu ignorieren. Der Studie «Sport Schweiz 2020» zufolge ist die Anzahl der Bikenden mittlerweile sogar höher als jene der Fussballspielenden.

Hofläden und Dorfbeizen

Wichtig sei, dass bei dieser Debatte alle relevanten Gruppen ins Boot geholt würden – «auch die nicht aktiv Beteiligten», sagt Peter. Er denkt dabei vornehmlich an die in vielen Fällen privaten Waldeigentümer. «Stand heute können die Besitzer für Unfälle auf ihrem Grundstück theoretisch haftbar gemacht werden», was kein zumutbarer Zustand sei. «Die Eigentümer müssen geschützt werden», hält der in der Nähe des Thunersee-Bikeparks lebende Berner unmissverständlich fest. Zudem gelte es, ihnen jene Perspektiven aufzuzeigen, welche die Bikenden ihnen eröffneten. «Der Hofladen und die Dorfbeiz können von zusätzlicher Kundschaft profitieren; die Bikenden haben das Potenzial, Randregionen zu beleben.»

Der Siegeszug des Mountainbikes wird ebenfalls nicht aufzuhalten sein. Anders als auf der Strasse muss diese Entwicklung jedoch noch ins Bewusstsein der Bevölkerung vordringen. Hierbei will Swiss Cycling in die Rolle der treibenden Kraft schlüpfen.

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