Aus der Musette

Reisen mit Hindernissen

«Oh, du bist Spitzensportlerin, dann kannst du sicher viel reisen», ist eine Aussage, die man als Athletin ständig hört. Meine Antwort ist dann meistens «Ja, es ist echt toll, und ich liebe es, ständig in die Ferien zu fliegen». Natürlich nicht. Als Athletin reist man zwar viel, doch erstens sind es keine Ferien, und zweitens sind die Reisen nicht immer angenehm. Sie bergen aber immer wieder Überraschungen.

In die engen Kompressionshosen gezwängt, ist man an Flughäfen und Raststätten ständig auf der Suche nach halbwegs gesundem Essen. Keine Toilette ist auffindbar, wenn man mal eine braucht. Auf Langstreckenflügen sollte man sich alle paar Stunden dehnen, anstatt acht Stunden lang Filme durchzusuchten. Und wenn man dann am Ziel angekommen ist, bibbert man, dass hoffentlich das ganze Gepäck angekommen ist. Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel ist meistens das Grösste an Sightseeing. Vor allem als Bahnfahrerin bewegt man sich hauptsächlich zwischem dem Velodrom und dem Hotel. Während ich von St. Petersburg und Minsk überhaupt nichts mitbekam, gibt es Rennen, an denen man nach den Einsätzen die Umgebung entdecken kann. So konnten wir in Kanada die Niagarafälle oder in Hong Kong den Victoria Peak besichtigen. Auch in Bulgarien legten wir vor dem Heimflug einen Tag in der Hauptstadt Sofia ein. Als wir nach dem Städtetrip zum Mietauto zurückkehrten und eine Autokralle entdeckten, bereuten wir unseren Drang zum Tourismus etwas. Womöglich wissen die Trainer, wieso sie uns immer wieder von diesen Ausflügen kurz vor dem Heimflug abraten. 😉

Ein oft spannender Faktor bei unseren Reisen ist das Gepäck. Fliegen mit 15 Velos birgt so einige Schwierigkeiten. Entweder gibt es nicht genug Platz im Flugzeug, die Velos sind zu schwer, oder sie kommen überhaupt nicht am Zielflughafen an. Komplett zerstörte Kartonboxen oder über das ganze Material ausgeleertes Energiepulver kommen auch immer wieder vor. Als ich zu Beginn meiner Bahn-Karriere an ein Rennen reiste, kam der Inhalt meines Bikekartons einzeln auf dem Fliessband an. Die Überreste des Kartons, der Velorahmen, dann die Pedale, ein Helm usw. Der Lenker fehlte komplett und war unauffindbar. Nach energischem und leicht gestresstem Nachfragen beim Flughafenpersonal wurde mir versichert, dass nirgendwo ein Lenker zu finden sei. Rund eine halbe Stunde später rief mich meine Mutter an und fragte mich, ob ich den Lenker in der Garage nicht brauche oder warum ich ihn zuhause gelassen habe. Upps…

Auch wenn immer wieder was schiefgeht und man vielleicht mal acht Stunden am Flughafen warten muss oder einen Flug verpasst, weil die Visa nicht gültig sind: Reisen ist bereichernd. Ist die Stimmung im Team gut, werden die Wartezeiten kürzer, und dann kann auch vermeintlich Mühsames Spass machen. Und selbst wenn es nur die Fahrt vom Flughafen zum Hotel ist: Es ist spannend, neue Länder und Kulturen kennenzulernen. Ich bin dankbar für dieses Privileg und freue mich schon auf die nächste Reise.

Zur Autorin

Als Athletin dreht sich Michelle Andres, Jahrgang 1997, vornehmlich im Oval. Als Mitarbeiterin bei Swiss Cycling lernt die Aargauerin den Radsport von einer anderen Seite kennen. Als Kolumnistin schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin über Erlebnisse aus dem Rennfahrerinnenalltag.

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