Aus der Musette

Hotlines, Quarantänen & Tests – die neuen Begleiter im Sportlerinnenalltag

Das Coronavirus hat die Denkstruktur verändert, es stehen neue Fragen im Zentrum: Sind die Grenzen offen? Wo finde ich das Einreiseformular? Brauchen wir einen PCR oder Antigentest? Das Sportlerleben ist etwas komplizierter geworden. Oder anders formuliert: Wir Sportlerinnen und Sportler werden gezwungen, flexibler zu werden.

Die Corona-Pandemie hat für mich persönlich auch positive Aspekte. Mein Kopfrechnen hat sich um Welten verbessert. In Lichtgeschwindigkeit kann ich nun ausrechnen, wann ich den Test machen muss, damit er noch in die 72-Stunden-Spanne zum Reisen reinpasst. Ich wurde auch zur Geduld in Person, nachdem ich während Stunden in der Warteschlange irgendwelcher Hotlines verweilte, um etwas herauszufinden, was dann doch niemand wusste. Und die Formulare für Flugrückvergütungen kann ich schon fast blind ausfüllen.

Spass beiseite. Die Reisebeschränkungen, Formulare und Tests haben das Reisen sehr viel komplizierter und schwerfälliger gemacht. Vor allem die neuen Virusmutationen sorgen kurzfristig immer wieder für Panik. Von einem Tag auf den anderen werden Einreisebeschränkungen und Quarantäneregeln beschlossen, ja sogar Grenzen geschlossen. Mehrfach bereitete ich mich schon auf eine zehntägige Quarantäne vor, weil sich die Einreisebestimmungen während eines Wettkampfs im Ausland kurzerhand geändert hatten. Dazu kommt die Testerei. In der Schweiz ist es unkompliziert, einen Covid-Test zu machen, in anderen Ländern hingegen stehen da schon mal Hürden im Weg. So musste eine Teamkollegin zwischen zwei Renneinsätzen eine einstündige Autofahrt zum Flughafen absolvieren, um sich vor der Heimreise testen zu lassen. Grund: In Portugal hat am Samstagnachmittag kein Testcenter geöffnet. Nach einem anderen Anlass verpassten einige Fahrer ihren Heimflug und mussten auf den nächsten warten. Weil der für die Heimreise gemachte Test für die neue Ankunftszeit zu alt war, mussten sie einen neuen Test machen, Dessen Resultat liess auf sich warten, deshalb verpassten sie auch den zweiten Flug.  Die zahlreichen Athletinnen und Athleten, welche wegen positiven Tests irgendwo in Litauen, Portugal oder Russland in der Quarantäne feststeckten, könnten noch ganz andere Geschichte erzählen. Ich bin auf jeden Fall immer froh, wenn mein Test negativ ist und ich wieder zurück in der Schweiz bin.

Natürlich sind solche Situationen oft ärgerlich. Aber es ist wichtig, immer wieder tief durchzuatmen und sich vor Augen zu halten, wie gut es uns Athletinnen und Athleten im Vergleich zu vielen anderen Menschen geht. Wir haben das Glück, trotz allem immer noch unserem Beruf nachgehen zu können. Für die Rennveranstalter beispielsweise ist die Situation wesentlich schlimmer. Events müssen nach monatelanger Vorbereitung und Planung kurzfristig abgesagt, Schutzkonzepte und Reglemente ständig angepasst werden. Auch die Track Cycling Challenge am kommenden Wochenende in Grenchen sah sich nach Bekanntwerden der jüngsten Mutation mit grundlegenden Fragen konfrontiert. Was tun, wenn wegen der Quarantänepflicht keine Sportler ins Land einreisen können? Lohnt sich der ganze Aufwand wirklich? Wie sieht es aus, wenn die Regeln kurz vor dem Rennen wieder geändert werden? Um den Anlass dann wirklich durchzuführen, braucht es nicht nur hart arbeitende Organisatoren, Geduld und Flexibilität, sondern auch Mut. Geht etwas schief, sagt jeder: War ja klar, dass es so kommen musste!

In diesem Sinn möchte ich mich bei all jenen bedanken, die es uns trotz der erschwerten Umstände ermöglichen, unserer Leidenschaft nachzugehen und gleichzeitig unseren Beruf auszuüben. Für uns gilt: Flexibel bleiben und Formulare ausfüllen 😉

Zur Autorin

Als Athletin dreht sich Michelle Andres, Jahrgang 1997, vornehmlich im Oval. Als Mitarbeiterin bei Swiss Cycling lernt die Aargauerin den Radsport von einer anderen Seite kennen. Als Kolumnistin schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin über Erlebnisse aus dem Rennfahrerinnenalltag.

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