EM Monteceneri
Stirnemann: „Wir waren auf die Hitze vorbereitet“
Nationaltrainerin Kathrin Stirnemann mit der Cross-Country-U23-Europameisterin Anina Hutter. Bild: Maxime Schmid
16 Medaillen hat die Auswahl von Swiss Cycling an den Mountainbike-Europameisterschaften in Monteceneri gewonnen, deren 11 durften sich die Frauen umhängen lassen. Nationaltrainerin Kathrin Stirnemann spricht über Ursachen und Hintergründe rund um den sehr erfolgreichen Auftritt.
An den Europameisterschaften im Tessin haben die Schweizerinnen in fünf von sechs Einzelrennen triumphiert und im sechsten Rennen die Silbermedaille gewonnen. Was lösen die grossen Erfolge bei dir als Nationaltrainerin aus?
Kathrin Stirnemann: Die Freude ist schon riesig, wenn alle ihre Leistung abrufen können. Es ist auch eine Art Genugtuung für all die Zeit, welche wir das ganze Jahr hindurch aufwenden – mit wir meine ich das Trainerteam und der Staff; da ziehen alle am gleichen Strick. Es fühlt sich an wie das Happyend einer längeren Geschichte.
Worauf ist diese Überlegenheit zurückzuführen?
Das hat weit vor meiner Zeit begonnen, bei Swiss Cycling wird seit vielen Jahren in die Förderung des Frauenradsports investiert. Mein Vorgänger Edi Telser hat jene Athletinnen ausgebildet und geformt, die nun bei der Elite abliefern. Die jetzigen U23-Athletinnen begleite ich als Trainerin, seit sie ins U19-Nationalkader gestossen sind. Sie harmonieren ausgezeichnet, schauen zueinander, pushen einander, helfen einander.
Welche Rolle spielte der Heimvorteil?
Zweifelsohne eine grosse. Unsere Athletinnen kennen die Strecke von zahlreichen Rennen und Camps, das letzte fand kurz vor der EM statt. Sie wussten genau, was sie erwartet, hatten das so wichtige Vertrauen und konnten dadurch Energie sparen. Zudem war unsere unmittelbare Rennvorbereitung ausgezeichnet. Wir waren auf die Hitze vorbereitet, unsere Cooling-Strategie hat funktioniert.
Die Schweizerinnen und Schweizer galten in technischer Hinsicht während langer Zeit als führende Nation. Wie sieht das heute aus – gibt es an der Weltspitze immer noch Unterschiede?
Das lässt sich kaum generalisieren – nur schon deshalb nicht, weil es in anderen Nationen immer wieder Ausnahmetalente gibt. Klar ist: Zurücklehnen geht nicht, auf Strecken wie jener am Monte Tamaro musst du technisch auf der Höhe sein und die Fähigkeit haben, spontan zu reagieren, wenn sich die Strecke im Verlauf des Rennens verändert, wenn zum Beispiel ein Stein ins Rollen kommt. Erinnere ich mich richtig, hatten wir in den Nachwuchskategorien bei den Frauen nur einen Platten. Natürlich ist da immer auch Glück dabei, aber man sieht schon, dass sie technisch sauber gefahren sind.
In der U23-Kategorie gab es im Cross-Country sogar einen Dreifachsieg. Vier Schweizerinnen landeten in den Top 5, obwohl von den besten Europäerinnen niemand fehlte. Wie lässt sich das erklären?
In der U23-Kategorie kommen vier Jahrgänge zusammen. Da besteht schon die Chance, mehrere sehr talentierte Fahrerinnen im Kader zu haben. Wichtig ist, ihnen das Vertrauen zu schenken – vor allem dann, wenn es einmal nicht so gut läuft. Uns hilft, dass eigentlich immer eine Athletin Erfolg hat; die anderen wollen dann jeweils auch dorthin gelangen.
Du hast den Zusammenhalt im U23-Nationalteam bereits angetönt. Nach dem Dreifachsieg feierten die Athletinnen auf dem Podium gemeinsam ihre drei Medaillengewinnerinnen. Wie kreiert man einen solchen Teamspirit?
Wichtig ist, niemanden zu bevorzugen, alle gleich zu behandeln. Ebenso wichtig ist, dass man während des ganzen Jahres mit ihnen arbeiten kann, nicht nur rund um die EM und die WM. Ich sehe die U23-Athletinnen regelmässig. Im Weltcup gehe ich mit ihnen auf die Strecke, obwohl sie mit ihren Teams vor Ort sind. Ich erlebe sie dort in einem anderen Umfeld, das hilft ebenfalls. Generell geht es darum, eine gute Atmosphäre zu schaffen, eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Aber ja, du musst natürlich auch die Charaktere haben, welche das zulassen.
Schauen wir nach vorne, Ende Monat finden in Val di Sole die Weltmeisterschaften statt. Was bedeutet die Überlegenheit von Monteceneri für die WM im Trentino?
Man muss das Ganze schon einordnen. Bei der Elite war im Tessin mit Jenny Rissveds die Weltcup-Leaderin dabei, aber es fehlten einige, die in der Regel vorne mitfahren. Die Ausgangslage für die WM-Vorbereitung ist sicherlich sehr gut. Wichtig ist, an der WM erneut so selbstbewusst als Team aufzutreten – und auszustrahlen, dass man von den eigenen Fähigkeiten überzeugt ist.
Die Strecke am Monte Tamaro ist ausgesprochen anspruchsvoll. Wie sieht es diesbezüglich in Val di Sole aus?
In Val di Sole gibt es mehr Höhenmeter zu meistern. Die Anstiege sind aber eher physisch als technisch herausfordernd, die Abfahrten fühlen sich an wie in einem Bike-Park. Unter dem Strich ist die Strecke in Italien technisch deutlich einfacher als jene im Tessin, was den. Kreis der Anwärterinnen auf einen Spitzenplatz vergrössert. Für uns ist das jedoch sekundär. Wir schauen nicht zu stark auf die Konkurrenz, sondern versuchen, unsere Form zu konservieren oder gar zu optimieren und in den Wettkämpfen unser Bestes zu geben.
