Linda Indergand
«Ich wäre sehr gerne in einem Team wie Nexetis gefahren»
Bekanntes Gesicht in neuer Rolle: Olympiamedaillengewinnerin Linda Indergand betreut als Sportliche Leiterinnen Athletinnen (hinten Mara Winter). Bild: Maxime Schmid
Im Herbst 2025 vom Spitzensport zurückgetreten, arbeitet Linda Indergand seit Anfang Jahr als Assistentin von MTB-Nationaltrainerin Kathrin Stirnemann sowie als Sportliche Leiterin des Frauenteams Nexetis. Im Interview spricht die bald 33-jährig werdende Urnerin über die Vorteile der Kombination von Sportarten sowie die Entwicklung des Frauenradsports.
Eben erst hast du mit dem Radsport aufgehört, nun bist du schon wieder mittendrin. Wie hast du deinen Umstieg erlebt?
Linda Indergand: Sehr gut, aber gleichzeitig herausfordernd, weil zu Beginn wirklich viel Neues auf mich zukam, gerade in organisatorischer Hinsicht. Da merkt man dann auch schnell, was dir als Athletin alles abgenommen wird. Am Anfang nahm ich mir kaum mehr Zeit für mich heraus. Mittlerweile habe ich die Balance gefunden und schaffe es halbwegs regelmässig, mich selbst an der frischen Luft zu bewegen.
Du arbeitest mit jungen bis sehr jungen Fahrerinnen zusammen. Erinnern sie dich an deine Anfangszeit, oder funktionieren die jungen Athletinnen heute anders als vor 15 Jahren?
Ich fand es bereits als Athletin spannend und lässig, die Juniorinnen zu unterstützen. Sie sind wissbegierig, locker, unbeschwert. Viele von ihnen absolvieren Sportschulen, das gab es zu meiner Zeit zumindest im Kanton Uri nicht. Die Juniorinnen haben mehr Wissen, als wir es damals hatten. Zudem merkt man, dass sie mit den Sozialen Medien aufwachsen. Sie posten ihre Bilder und Videos gerne, für mich hingegen war es ein Müssen.
Bei Nexetis bist du in erster Linie für die Sportart Mountainbike zuständig, stehst aber bei Bedarf auch auf der Strasse im Einsatz. Was ändert sich in deiner Arbeit, wenn du die Sportart wechselst – wie zum Beispiel bei der Gracia-Rundfahrt in Tschechien?
Das ist ein riesengrosser Unterschied. Beim Biken kenne ich alles: die Abläufe sind klar, die Situation auf dem Rennplatz ist übersichtlich; es findet immer alles am gleichen Ort statt. Auf der Strasse fährst du im Auto den Athletinnen hinterher. Planung und Teamtaktik haben eine andere Relevanz; in Tschechien war Funk nicht erlaubt. Abends folgen die Nachbesprechung und die Planung des nächsten Tages, es hört nicht auf. Ich habe den Kurs für Sportliche Leiter besucht. Das hilft, aber wirklich lernen tust du es erst vor Ort, wenn du gefordert bist.
Mehrere Nexetis-Fahrerinnen wechseln regelmässig die Sportart. Ginia Caluori beispielsweise kommt vom Mountainbike und hat eben erst eine internationale Strassenrundfahrt gewonnen. Profitieren die Athletinnen von diesem Wechselspiel?
Meines Erachtens ist das ein gewaltiger Vorteil. Auf dem Bike ist die technische Komponente sehr relevant. Gleichzeitig hilft es dir auch auf der Strasse, wenn du dein Velo im Griff hast – insbesondere dann, wenn es darum geht, sich zu positionieren. Andersrum sind die taktischen Elemente, welche du auf der Strasse lernst, auch in einem Bikerennen sehr hilfreich.
An den Schweizer Strassenmeisterschaften 2020 in Märwil war einzig Elise Chabbey schneller als du. Hätte es aus dir vielleicht auch eine Strassenfahrerin gegeben, wenn du für ein Team mit dem Ansatz von Nexetis gefahren wärst?
Ich wäre sehr gerne in einem Team wie Nexetis gefahren, aber es gab schlicht kein solches Team. Als Schülerin war ich in den Kategorien U13 bis U19 regelmässig auf der Strasse unterwegs. Später nahm ich zweimal an Strassen-Weltmeisterschaften teil, noch später zweimal mit dem Nationalteam an der Tour de Suisse. Aber sonst gab es als Bikerin kaum Möglichkeiten, auf internationaler Ebene auf der Strasse zu fahren. Dabei sieht man zum Beispiel bei Puck Pieterse und Tom Pidcock, dass man in mehreren Disziplinen sehr schnell sein kann.
Auf der Strasse ist Nexetis das einzige Schweizer Team, welches junge Athletinnen auf höchstmöglichem Level fördert und auf den Aufstieg in den Profisport vorbereitet. Inwiefern ist es für eine junge Fahrerin von Vorteil, wenn sie für ein Schweizer Team fahren kann?
Ich sehe da nur Vorteile. Die Reisen an die Rennen beginnen in der Schweiz, du musst als Athletin nichts selbst organisieren. Du sparst viel Energie, du kennst das Umfeld und die Kultur, du verbringst mehr Zeit zuhause und hast daher auch mehr Zeit für anders, beispielsweise eine Ausbildung. Es ist alles einfacher.
Die Zukunft von Nexetis ist ungewiss, es fehlt ein Hauptsponsor. Die Tour de Romandie Féminin findet in diesem Jahr aus finanziellen Gründen nicht statt. Alles spricht von Frauenförderung, aber kaum jemand will sie finanzieren. Was läuft falsch?
Ich weiss es nicht und kann es nicht nachvollziehen; es ist einfach sehr schade. Im Frauenradsport steckt sehr viel Potenzial, er wächst und erhält immer mehr Aufmerksamkeit. In der Schweiz haben wir mit Marlen Reusser, Elise Chabbey und Noemi Rüegg Weltklassefahrerinnen, super Vorbilder für die Jungen, die bedeutende Rennen gewinnen. Die Entwicklung sieht man auch auf nationaler Ebene. Als ich früher Rennen bestritt, waren manchmal 10 bis 15 Fahrerinnen am Start. Heute sind die Felder deutlich grösser.
Im Mountainbike gibt es Schweizer Teams, die Nachwuchsathletinnen und -athleten engagieren. Was ist im MTB anders?
Ich glaube, das hat mit der Dimension zu tun. Ein Bike-Team benötigt weniger Athleten und weniger Staff als ein Strassenteam; folglich kostet es auch weniger. Viele dieser Teams sind klein, schon fast familiär; es ist einfacher, ein Team zu unterhalten.
Im letzten Jahr hatten wir die WM im Wallis, nun findet im Tessin die EM statt. Die Strecke in Monteceneri gilt als eine der Schwierigsten. Wie kommen eure jungen Bikerinnen mit dem Parcours zurecht?
Grundsätzlich sehr gut. Wir haben den erheblichen Vorteil, dass auf dieser Strecke seit Jahren ein Swiss Bike Cup-Rennen stattfindet; es kennen sie alle. Zudem gehören wir Schweizerinnen und Schweizer technisch schon zu den besseren Nationen. Und dann kommt noch der Kopf dazu; es ist super motivierend, nach der Heim-WM gleich auch noch eine Heim-EM zu haben. Da geht alles etwas einfacher.
Der Rock Garden in Monteceneri ist anspruchsvoll und kann Jüngere einschüchtern. Wie geht man das als Trainerin an – wie nimmt man ihnen die Angst?
Das ist gar nicht immer nötig, manchmal sind die Jungen weniger ängstlich als die Älteren (lacht). Sie schauen den Erfahrenen zu und machen es ihnen einfach nach. Aber ja, es gibt schon Möglichkeiten, und es ist bei jeder Athletin etwas anders. Den einen hilft es, wenn man es konkret vorzeigt, gemeinsam die Bewegungsabläufe anschaut. Anderen präsentiert man die Alternativen. Es gibt auch weniger herausfordernde Linien. Wer gute Beine hat, macht die zwei Sekunden, welche man mit der langsameren Linie verliert, im Aufstieg problemlos wieder wett.
