Aus der Musette

Zahnarzttermine und Gartenarbeit statt Wandertage und Strandferien

Mindestens einmal im Jahr heisst es auch für uns Radsportlerinnen und -sportler: Einen Gang runter schalten, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Keine Rennen, kein Training, keine vorgeschriebenen Tagesabläufe – Erholung pur. Doch ist die Pause wirklich immer so erholsam?

Die Saisonpause oder Offseason, wie sie neudeutsch genannt wird, ist zumindest bei mir meist willkommen. Ich geniesse es sehr, einige Wochen nicht aufs Rad zu steigen und etwas Abstand von Training und Rennzirkus zu nehmen. In den ersten paar Tagen fühlt es sich zwar immer etwas bizarr an, nicht auf dem Rad zu sitzen, doch nach kurzer Zeit hat man sich schon komplett ans Faulenzen gewöhnt. Wie konnte ich vorher nur jeden Tag trainieren? Unvorstellbar.

Doch was tut man genau während der Offseason? Jedes Jahr träume ich von tropischen Ferien am Strand, sonnigen Tagen in den Bergen, Treffen mit Freunden, Ausschlafen und viel Zeit zum Relaxen. Tja, die Realität sieht in der Regel anders aus. Ein Zahnarzttermin hier, eine Kontrolle beim Optiker da, und der Besuch beim Coiffeur darf natürlich auch nicht fehlen. In der Offseason stehen all jene Termine und To do’s an, welche sich im Verlauf des Jahres anhäufen und in die Trainingspause verschoben werden. So renne ich von Termin zu Termin und ärgere mich innerlich, die ach so erholsame Auszeit nicht besser geplant zu haben. Auch zuhause kommt meine Pause natürlich sehr gelegen. «Jetzt, wo du mal da bist, räumen wir endlich den Dachboden auf». Oder: «Mischi, kannst du uns im Garten helfen, die Bewegung tut dir bestimmt gut.» Na toll…

Was ich (neben Gartenarbeiten natürlich) auch gerne ausprobiere, sind andere Sportarten. Völlig ausser Atem werde ich von meiner Mutter beim Squashen herumgejagt oder manchmal verirre ich mich auch ins Schwimmbad. Natürlich darf die jährliche Joggingrunde nicht fehlen. Wenn ich nach meinem halbstündigen «Lauf» mit Seitenstechen und Fusschmerzen die Treppe hochkrieche, wird mir jeweils wieder klar, warum aus mir keine Läuferin geworden ist.

Gefühlsmässig hat die Pause eben erst begonnen. Effektiv hingegen sind Wochen vergangen und schon fängt das Training wieder an. Ich bedaure es immer sehr und denke: «Ach, ich habe es gar nicht richtig genossen. Es gibt noch so viele Dinge, die ich hätte tun wollen». Die ersten Tage auf dem Fahrrad und im Kraftraum sind dann immer so schmerzhaft wie mein jährlicher Joggingversuch. Wie hatte ich das vor der Pause nur jeden Tag tun können? Unvorstellbar.

Zum Glück findet man schnell wieder in den Rhythmus zurück, und dann freut man sich auch wieder auf die täglichen Herausforderungen. Bis zur nächsten Trainingspause.

Zur Autorin

Als Athletin dreht sich Michelle Andres, Jahrgang 1997, vornehmlich im Oval. Als Mitarbeiterin bei Swiss Cycling lernt die Aargauerin den Radsport von einer anderen Seite kennen. Als Kolumnistin schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin über Erlebnisse aus dem Rennfahrerinnenalltag.

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