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Ready to Ride

Unter Süchtigen

Morgenstund hat Gold im Mund: Am Susten sind die Muskeln unseres Autors Lukas Siegfried (Mitte) noch frisch. Bild: Alphafoto

Nur schon der Klang des Worts löst ein Kribbeln aus. Einmal gepackt, lässt einen das Swiss Cycling Alpenbrevet kaum mehr los.

Wer Brevet hört, denkt an eine Prüfung im Sinne derjenigen für den Führerschein – oder das Brevet für Rettungsschwimmer. Aber das Swiss Cycling Alpenbrevet? In meinem Bekanntenkreis können nur wenige wirklich nachvollziehen, warum wir das tun: 3000 Radsportbegeisterte quälen sich über zwei, drei, vier oder sogar fünf Alpenpässe. Dabei zählt das Bestehen der Prüfung und nicht der Sieg. Es ist eine Veranstaltung frei von Druck, fern von Stress beziehungsweise vom Bestreben, unbedingt die eigene Bestzeit unterbieten zu müssen (wobei die Schnellsten hier vermutlich widersprechen würden). Die Herausforderung ist auch so gross genug. Es ist die körperliche und mentale Auseinandersetzung mit dem Berg. Man fährt zugleich gegen und für sich selbst.

Jede Steigung hat ihren Charakter. Als Erstes ist der Sustenpass an der Reihe – zum Glück, dann haben wir den hinter uns. In Radfahrerkreisen ist die Urner Seite des Sustenpasses, sagen wir mal, nicht eben beliebt. Ab dem Dorf Meien zieht sich die Strasse in einer ewig langen Geraden den Hang hoch, der beschwerliche Weg ist von weit her zu sehen. Flachstücke zur kurzzeitigen Erholung bieten sich bis oben keine, auch Schatten gibt es kaum. Wenn die Sonne hier ihre Kraft entfaltet, kann die Aufgabe schier unerträglich sein. In der kühlen Morgenluft klappt alles bedeutend einfacher, und so darf man feststellen, dass dieser Pass durchaus seine Schönheit hat. Die Muskeln sind noch frisch, und wer andere Fahrer überholt, fühlt sich gleich ein Stück besser.

Die Freude am Bergfahren eint uns. Und gemeinsam­ haben wir alle unsere eigene Prüfung gemeistert.

Letztlich siegt immer die Liebe

Meine Beziehung zum Passfahren ist eine Hassliebe, bei der die Liebe letztlich immer siegt. Das Gefühl der Erlösung, wenn man den Kulminationspunkt erreicht – unbeschreiblich. Da werden die Beine auf einmal federleicht, manchmal reicht es auf den letzten Metern des Anstiegs gar zu einer adrenalingetriebenen Tempoverschärfung. Die Leiden des Aufstiegs sind rasch vergessen, und die Abfahrt steht als Belohnung erst noch bevor. Die hohe Geschwindigkeit ist mit der grösste Reiz am Rennradfahren. Aerodynamische Position einnehmen, die Finger fest um das Griffband am Lenker legen, fokussieren. Wohl dürfen sich die Beine hier einige Momente lang erholen – der Kopf aber, der ist gefordert.

Das besondere an der Topografie des Alpenbrevets ist, dass flache Abschnitte fast ganz ausbleiben. Rund 30 Minuten dauert die berauschende Abfahrt vom Sustenpass nach Innertkirchen. Zuletzt führt die Strecke über den Bahnübergang, zweigt scharf nach links ab, und schon beginnt der Aufstieg zum Grimselpass. Es kommt mir (und bestimmt auch anderen) gelegen, steigt die Strasse zunächst noch moderat an, nach Guttannen und weiter zum Hotel Handeck. Immer wieder bieten flache Abschnitte Gelegenheit zum Durchatmen, die Grimsel ist zwar fordernd, aber nett. Ich leide trotzdem, spüre die fehlenden Trainingskilometer, dazu wird die Luft immer heisser. Die erste Krise rückt heran. Und irgendwann muss ich mir diese eingestehen. Ein kurzer Stopp wird notwendig, um den Puls zu beruhigen, Biberli und Gummibärchen zu verdrücken.

Auch Silber glänzt schön

Jetzt wird der Anstieg erst richtig steil, hoch zur ersten Staumauer fahre ich nahe am Limit. Erst danach beginnt die Verpflegung langsam zu wirken, und auf den letzten fünf Kehren rollt es wieder besser. Doch der Grimselpass hat mir eine klare Antwort auf die Frage gegeben, ob ich die Silbertour fahre oder mir gar die Goldvariante antun will. Das Verhältnis zwischen mir und diesem so pittoresken Pass, es hat sich etwas verkompliziert. Aber auch Silber glänzt schön.

Es ist die körperliche und mentale Auseinander­setzung mit dem Berg. Man fährt zugleich gegen und für sich selbst.

Die Wechsel meiner Gefühlslagen wiederholen sich noch einmal. Der Rausch der Abfahrt, der abrupte Wechsel in die nächste Steigung, erneute Schwierigkeiten. Wer in Gletsch nach links abbiegt, findet sich schon wenige Sekunden später Richtung Furkapass wieder. Die Beine rebellieren jetzt konstant; es gilt, den Rhythmus auf einem erträglichen Schmerzniveau zu stabilisieren. Das klappt ganz passabel – bis kurz vor dem berühmten Hotel Belvédère die Steigungsprozente in den zweistelligen Bereich emporwachsen. Spätestens da geht es ums blosse Überleben. Den kleinsten Gang einstellen und pedalen, ohne nachzudenken. Letztlich funktioniert es, irgendwie. Was jetzt noch bleibt, ist das Dessert. In den engen Kurven hinunter nach Realp ist nochmals höchste Konzentration gefordert, die lange Gerade bis ins Ziel nach Andermatt bietet dann Gelegenheit, auch gedanklich einen Abschluss zu finden.

Verrückt sind wir, die wir uns die Berge hochquälen. Oft ernten wir ein mitleidiges Lächeln, wenn wir Freunden die Kilometer- und erst recht die Höhenmeterzahl unseres Vorhabens nennen. Oder dann ehrfürchtige Blicke, die sagen wollen: «Ich könnte das nie – lieber du als ich!» Aber Passfahren ist eine Sucht, das Alpenbrevet gewissermassen ein Treffen von Süchtigen. Die einen mögen lieber das Klettern, die harten Steigungen, schöne Serpentinen. Andere präferieren rasante Abfahrten, technisch anspruchsvolle Kurven, den Geschwindigkeitsrausch. Die Freude am Bergfahren eint uns. Und gemeinsam haben wir alle unsere eigene Prüfung gemeistert.

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