Monatsinterview

«Ich lege viel Wert auf die Vernetzung»

2019 noch selber WM-Teilnehmerin, nun Gravity Nationaltrainerin: Carina Cappellari kann ihren Athletinnen und Athleten viele eigene Erfahrungen mit auf den Weg geben. Bild: Armin Küstenbruck

2019 beendete Carina Cappellari ihre Karriere als Downhillerin. Nun hat sie seit Oktober das Mandat der Nationaltrainerin für die Gravity Disziplinen inne. Im Interview spricht die 31-Jährige über die Chancen der Pumptrack-Szene, Veränderungen im Downhill und sagt, weshalb die Schweizer Berge für die Saisonvorbereitung auch ein Nachteil sein können.

Du hast 2019 deine aktive Karriere als Downhillerin beendet und bist nun die neue Gravity Nationaltrainerin. Hattest du diesen Schritt schon immer im Kopf?

Nein gar nicht, ich bin etwas in diese Position reingerutscht. Ich war nie abgeneigt, mein Wissen weiterzugeben, und darum bin ich sehr dankbar für das Vertrauen von Swiss Cycling und freue mich auf die Zusammenarbeit mit den Athletinnen und Athleten.

 

Zu MTB Gravity gehören neben Downhill auch die aufstrebenden Disziplinen Enduro und Pumptrack. Was sind deine konkreten Aufgaben in den verschiedenen Disziplinen?

Meine Arbeit ist durch die verschiedenen Disziplinen sehr vielseitig. Grundsätzlich bin ich für die Kaderselektion, Rennselektion, Zusammenzüge und die Betreuung an den Grossanlässen zuständig. Momentan bin ich zum Beispiel an der Planung der Zusammenzüge der Downhill und Enduro Kader. Wie können die zwei Disziplinen zusammen trainieren? Wann müsssen die Disziplinen getrennt trainieren? Ab wann macht es Sinn die Jungen mit den Älteren zusammen zu führen? All diese Fragen fliessen in die Planung mit rein. Ich habe auch den Support der Fachkommission Gravity, die mich in den Bereichen Leistungsdiagnostik und Nachwuchs unterstützt.

 

Vergangene Woche hat sich mit Christa von Niederhäusern eine Schweizerin zur Pumptrack Weltmeisterin gekürt. Welche Chancen siehst du für diese eher junge Disziplin in der Zukunft?

Es ist schwierig zu sagen, wie sich die Pumptrack Szene entwickeln wird. Das hängt auch davon ab, ob und wenn ja wie die Disziplin von der UCI in grosse Events eingebunden wird. Die Rennen sind jedoch sehr einfach zu verstehen, kompakt, schnell und für Zuschauer coole Anlässe. Darum denke ich, dass diese Disziplin viel Potenzial hat.

Mehr Rennen und bessere nationale Strukturen bieten den Athletinnen und Athleten eine Plattform, sich schon früh zu zeigen.

Enduro gehört auch zu deinem Hoheitsgebiet. Im Breitensport erfreut sich die Sportart hoher Beliebtheit, im Leistungssport ist sie hierzulande kaum bekannt. Wo steht die Schweiz auf internationaler Ebene im Enduro-Spitzensport?

Wir haben bei den Frauen eine junge Athletin, welche regelmässig vorne mitfährt, bei den Männern fehlen uns da tatsächlich Athleten, welche an der Weltspitze mitmischen. Hinsichtlich der MTB-WM im Wallis 2025 konzentrieren wir uns vor allem auf die Nachwuchsförderung. Die Szene wächst in der Schweiz gut, auch dank der Swiss Enduro Series, bei welcher ein sehr hohes Niveau herrscht. Mehr Rennen und bessere nationale Strukturen bieten den Athletinnen und Athleten eine Plattform, sich schon früh zu zeigen. Und für mich wird es einfacher, transparent zu selektionieren.

 

Wie hat sich die Downhill Szene seit deinem Rücktritt entwickelt?

Es ist schwierig zu sagen. Ich beendete meine Karriere im Herbst vor Covid, danach lief es für fast zwei Jahre etwas anders. Was mir jedoch aufgefallen ist, ist die hohe Leistungsdichte, vor allem in den Nachwuchskategorien. Früher konnten Juniorinnen mit einem Sturz immer noch aufs Podium fahren, das ist heute kaum mehr möglich.

 

Der Downhill-Sport galt lange als Männersport, Frauenrennen kamen erst später hinzu. Wie hast du das damals als Fahrerin empfunden? Gab oder gibt es Hürden für Frauen?

Natürlich, Frauen sind immer noch in der Unterzahl, aber das ist nicht immer ein Nachteil. Wenn du bei den Frauen in die Top 10 fährst, ist der Zeitrückstand um einiges grösser als bei der Top 10 der Herren. Das Resultat sieht schneller besser aus, jedoch ist der Weg an die Spitze bei beiden Kategorien anspruchsvoll. Für die Sponsorensuche macht das zum Beispiel einen grossen Unterschied.

 

Was möchtest du deinen Athletinnen und Athleten auf den Weg geben?

Für mich ist es wichtig, dass die Athletinnen und Athleten Verantwortung übernehmen und sich ein gutes Umfeld schaffen. Das heisst, sie müssen Trainingsstrecken für möglichst viel Zeit auf dem Bike haben, sich eine Betreuung im medizinischen und physischen Bereich zurechtlegen und den Austausch und Vergleich mit anderen suchen. In so technischen Disziplinen wie Downhill und Enduro ist es wichtig, miteinander zu trainieren und sich gegenseitig zu pushen. Ich lege viel Wert auf die Vernetzung unter den Sportlerinnen und Sportlern.

 

Die Schweiz bietet mit den Bergen die perfekte Infrastruktur für Disziplinen wie Downhill und Enduro. Wieso ist die Dichte der Schweizer Fahrerinnen und Fahrer im internationalen Vergleich nicht höher?

Viele sagen immer die Schweiz sei ideal fürs Downhillen, doch eigentlich stimmt das nicht so ganz. In den Bergen liegt von Oktober bis Mai Schnee. Während der wichtigsten Vorbereitungszeit vor der neuen Saison können unsere Athletinnen und Athleten also nicht auf richtigen Downhillstrecken trainieren, was ein Nachteil ist. So müssen sie sich im Winter mit normalen Trails abfinden oder in den Süden reisen, was vor allem für die Jungen kompliziert sein kann. Natürlich ist das Training auf normalen Trails auch gut, jedoch nicht ganz so spezifisch wie eine etwas gröbere Downhillstrecke. Im Sommer beklagen wir uns natürlich nicht über unsere Situation. 😉

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