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World Tour

Die neue Abfall-Regel sorgt für rote Köpfe

Michael Schär (vorne, hier an der WM 2020 in Imola) gehört zu den wertvollsten Helfern im Peloton. Bild: Arne Mill

Den Radprofis drohen seit dem 1. April drastische Konsequenzen, wenn sie ihren Abfall nicht regelkonform entsorgen. Michael Schär hat mit der Regel bereits unliebsame Bekanntschaft gemacht.

In 16 Jahren als Radprofi hat Michael Schär so einiges erlebt. Zehn Mal nahm der Luzerner bereits an der Tour de France teil. Dazu pilotierte er seinen Copain Greg van Avermaet, den Olympiasieger von 2016, durch unzählige Klassiker-Rennen. Mit 34 Jahren ist Schär ein gestandener Profi und einer der wertvollsten Helfer im Peloton. Doch was ihm am vergangenen Sonntag an der Flandern-Rundfahrt widerfahren ist, wird er so schnell nicht mehr vergessen.

Was war passiert? Schär erlebte im Norden Belgiens einen Tag zum Vergessen. Mechanische Probleme an seinem Velo warfen ihn zurück und zerrten an seinen Nerven. Als er dabei war, den Anschluss ans Hauptfeld wiederherzustellen, warf er eine Trinkflasche in einer dafür nicht vorgesehenen Zone den Zuschauern vor die Füsse – „aus dem Affekt“, wie er später sagte. Weil der Weltverband UCI solche Vergehen seit dem 1. April mit einer Disqualifikation bestrafen kann, wurde der Schweizer wenig später aus dem Rennen genommen.

Schär war damit der erste Fahrer, der aufgrund der neuen UCI-Regel in einem Rennen der World Tour disqualifiziert wurde. Statt einfach die Faust im Sack zu machen, schrieb der Profi vom Team AG2R Citroën tags darauf seine Gedanken nieder. In seinem auf Instagram veröffentlichten offenen Brief an die UCI erzählte er von einem Schlüsselerlebnis auf seinem Weg zum Radprofi, wie er als Kind mit seiner Familie 1997 im Jura die Tour de France besuchte und dort den Bidon eines Profis erhielt. „Dieser hat mich zuhause jeden Tag daran erinnert, was mein grosser Traum ist“, schrieb der Zentralschweizer.

Als Profi hat es sich Schär deshalb zur Aufgabe gemacht, seine leeren Bidons zu verschenken, wenn er Kinder am Strassenrand sieht. Dass dies künftig nicht mehr möglich sein soll, kann er nicht verstehen, wie er im Gespräch mit Keystone-SDA bekräftigt. „Das ist nicht im Sinn des Radsports.“ Deshalb hat er Anfang Woche zum Telefon gegriffen und UCI-Präsident David Lappartient angerufen. „Ich habe ihm meine Sicht geschildert. Er hat viel Verständnis für meine Situation gezeigt.“ Der Franzose habe ihm versichert, er werde eine Sitzung einberufen, um die Littering-Regel nochmals zu diskutieren.

Aus Schärs Sicht wäre es mit einer kleinen Anpassung am Regelwerk getan. „Landet eine Flasche beim Zuschauer, soll dies weiterhin erlaubt sein. Das hat nichts mit Littering zu tun. Wenn einer irgendwo seinen Bidon wegschmeisst, soll das selbstverständlich eine Sanktion zur Folge haben.“ Im Fussball müssten die Schiedsrichter schliesslich auch entscheiden, ob es ein hartes Foul war oder nicht, ob eine gelbe oder rote Karte angebracht sei, zieht er den Vergleich. „Ein bisschen gesunder Menschenverstand ist gefragt.“

Ob sich in der Sache bei der UCI wirklich etwas tut, wird sich zeigen. Zuletzt jedenfalls zeigte sich der Weltverband standhaft gegenüber der Kritik der Fahrer, die im Zusammenhang mit dem neuen Regelwerk steht. Als Reaktion auf eine Vielzahl schwerer Stürze in der vergangenen Saison ist seit dem 1. April nämlich auch die sogenannte „Supertuck“-Position, also das tief geduckte Sitzen auf dem Oberrohr, verboten. Auch das Fahren mit den Unterarmen auf dem Lenker ist nur noch mit einer Zeitfahrvorrichtung erlaubt. Um die Sicherheit zu verbessern, gebe es andere Gefahrenpotenziale, um die sich die UCI kümmern sollte, lautet der allgemeine Tenor im Fahrerfeld.

Die Resonanz auf Schärs Instagram-Post fiel beeindruckend aus. Sein offener Brief erhielt mittlerweile über 55’000 Likes – mehr als das Zwanzigfache seiner sonstigen Beiträge. Auch viele andere Profis haben ihm beigepflichtet, was Schär positiv stimmt: „Das hat mir gezeigt, dass der Radsport zusammenstehen kann und wir etwas bewirken können. Ich denke, viele haben mich verstanden und wissen, dass ich die Flasche weiterhin den Leuten geben werde und ich damit Kinder glücklich machen will. Das ist mir wichtiger als vieles andere im Radsport.“

Nach einem Abstecher in die Schweiz steht für Schär am nächsten Sonntag in den Niederlanden sein nächster Renneinsatz an. Am Gold Race soll er mit seinem Team wieder für positive Schlagzeilen sorgen, und hoffentlich ganz viele Kinder am Strassenrand glücklich machen.

Text: Keystone-SDA

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