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Paralympics Tokio

«Der Spirit war so gut wie nie zuvor»

Fabian Recher wird als erster Rollstuhlsportler die Spitzensport-Rekrutenschule absolvieren. Bild: Gabriel Monnet

Der Schweizer Nationaltrainer Michael Würmli spricht über Geschehnisse und Resultate an den Paralympics in Tokio. Unter anderem erläutert der Solothurner, wie eine Unannehmlichkeit zum Glücksfall werden kann.

Michael Würmli

ist Nationaltrainer und Nachwuchsverantwortlicher Handbike

Am dritten und letzten Wettkampftag habt ihr in der Staffel den siebten Rang erreicht. Wie beurteilst du den Auftritt des Teams?

Michael Würmli: Durchwegs positiv, unsere Athleten haben nahezu das Maximum herausgeholt. Uns fehlt ein konkurrenzfähiger 5er-Kategorie-Athlet, also einer, welcher kniend rollt und den Oberkörper einsetzen kann. Dieser Nachteil lässt sich nicht wettmachen.

Unter dem Strich resultieren der Silbermedaillengewinn von Heinz Frei im Strassenrennen und fünf Diplome – wie fällt die Gesamtbilanz aus?

Ebenfalls erfreulich, obwohl wir das Ziel, in jedem Rennen in jeder Kategorie ein Diplom zu gewinnen, nicht ganz erreicht haben. Heinz überstrahlte mit seiner Darbietung alles. Weniger gut lief es Sandra Graf, sie vermochte ihr Potenzial dieses Mal leider nicht ganz ausschöpfen.

Frei gewinnt als 63-Jähriger eine Medaille – wie macht er das?

Er kennt sich und seinen Körper wie kaum ein anderer. Er weiss genau, was es braucht, damit er am Tag X das Maximum abrufen kann.

Wie kamen die Athletinnen und Athleten mit den in vieler Hinsicht ungewohnten Rahmenbedingungen zurecht?

Zu Beginn war es schwierig – vor allem, weil wir in wirklich engen Vierbettzimmern untergebracht wurden; die Spanne reichte von Skepsis bis Frust. Danach fanden wir den Rank, und die Unannehmlichkeit wurde zum Glücksfall. Die Konstellation schweisste uns als Team zusammen, der Spirit war so gut wie nie zuvor.

An einer WM wäre Sandra Stöckli im Zeitfahren Zweite geworden, an den Paralympics reichte es ihr wegen der Zusammenlegung mehrerer Kategorien «nur» zu Rang 8. Waren die Wettkämpfe unfair?

Durch die Zusammenlegung der Kategorien treten Athletinnen und Athleten mit unterschiedlichen Voraussetzungen gegeneinander an. Es liegt in der Natur der Sache, dass es bei dieser Ausgangslage Benachteiligte gibt.

Tokio ist für dein Team Geschichte – was kommt nun?

Die Vorbereitung auf die Paralympics in Paris – und natürlich auf die WM 2024 in Zürich. Im Para-Cycling schreitet die Professionalisierung rasant voran; wir müssen aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verlieren. Fabian Recher wird am 1. November als erster Rollstuhlsportler in die Spitzensport-Rekrutenschule einrücken. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

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