Celine van Till

«Auf dem Velo fühle ich mich frei»

Bild: Buchli Fotografie

Celine van Till ist in diesem Frühling Doppel-Europameisterin im Para-Cycling geworden. Die 31-jährige Genfer Sportlerin wird nicht müde, die vielen Hindernisse in ihrem Leben seit ihrem schweren Reitunfall vor 14 Jahren zu meistern. Die Geschichte einer Athletin mit aussergewöhnlichem Schicksal.

«Ich glaube, ich habe die perfekt zu mir passende Sportart gefunden!» Celine van Tills Augen leuchten, als sie über ihre neue Leidenschaft spricht: den Radsport. Für die 31-jährige Genferin gehen die Begriffe «Leidenschaft» und «Wettkampf» häufig Hand in Hand. Ende Mai, nur sieben Monate nach ihren Anfängen im Radsport, wurde sie in ihrer Kategorie Doppel-Europameisterin; sie setzte sich sowohl im Zeitfahren als auch auf der Strasse durch. Eigentlich hätte sie bei den Weltmeisterschaften in Quebec Mitte August zu den Favoritinnen gehört, doch ein Hitzschlag beim letzten Weltcup-Rennen zwang sie letztlich zum Verzicht auf die Teilnahme. Dieser Last-Minute-Rückzug wird in ihrer aussergewöhnlichen sportlichen Laufbahn lediglich eine Randnotiz bleiben.

Celine van Till kennt sich mit unangenehmen Überraschungen aus. Der bisher grösste Einschnitt in ihrem Leben widerfährt ihr mit 17 Jahren. Bei einem Turnier fällt die aufstrebende Reiterin von ihrem Pferd und erleidet eine schwere Schädelverletzung. Als sie nach einem Monat im Koma erwacht, ist sie an Armen und Beinen teilweise gelähmt, sehbehindert und kann nicht mehr richtig sprechen. Es beginnt ein langer Rehabilitationsprozess. Nach und nach lernt sie wieder schreiben, sprechen und gehen. Anstatt den Sport zu verlassen und ihre Leidenschaft für Pferde zurückzustellen, findet sie mit beidem nach und nach ins Leben zurück. So wendet sie sich der Paradressur zu und nimmt 2016 an den Paralympics in Rio de Janeiro teil. War es das? «Nein, ich wusste, dass die Spiele von Rio nicht meine letzten sein würden», hält sie fest.

100 Meter in 15 Sekunden

Nach ihrem Auftritt in Brasilien freundet sie sich mit einer neuen Sportart an –dem Laufen. Der Behindertensportverband Plusport rät ihr, es auf den Sprintstrecken zu versuchen, um ihre Chancen auf eine Teilnahme an den Paralympischen Spielen von Tokio zu maximieren. «Ich wusste nicht, was da auf mich zukam, aber ich war motiviert und bereit für die Herausforderung», erklärt Celine van Till. Auch wenn Körper und Kopf zu einem guten Teil wieder funktionieren, bleibt ihr Sichtfeld auf die Hälfte reduziert. Kommt dazu, dass Gleichgewicht und Koordination hin und wieder Schwierigkeiten bereiten. Dennoch bleibt die Athletin davon überzeugt, dass ihr der Sport helfen kann, die mit ihrer Behinderung verbundenen Grenzen zu überschreiten: «Die sogenannte Plastizität des Gehirns macht es möglich, neue neurologische Verbindungen herzustellen, wenn Körper und Geist gleichzeitig gefordert werden.»

Aufgrund ihrer schnellen Fortschritte legt sie die 100 Meter rasch in 15 Sekunden zurück. Doch ihr Traum von der Teilnahme an den Paralympics in Tokio platzt durch einen neuerlichen Schicksalsschlag: Fünf Monate vor den Spielen fällt sie mitten in einem Sprint mit voller Wucht auf ihren Kopf. Es kommt, wie es kommen musste: Sie verzichtet auf den Start an den Paralympics und beendet ihre Karriere als Sprinterin. «Aufgrund meiner bestehenden Hirnverletzungen wäre ein Weitermachen zu riskant gewesen. Ich musste auf meinen Körper hören», stellt die Genferin klar.

Phänomenale Fortschritte auf drei Rädern

Natürlich sollte sich Celine van Till nicht zur Ruhe setzen. Nach sechsmonatiger Pause bereitet sie sich auf ihren ersten Triathlon-Start vor und bittet Para-Cycling-Nationaltrainer Dany Hirs, ihr ein entsprechendes Velo zur Verfügung zu stellen. Dieser lädt sie zunächst zu einem Test auf der Bahn und im November des letzten Jahres zu einem auf der Strasse ein. Celine ist ausser sich: «Ich hatte einen Mordsspass! Auf dem Velo fühle ich mich frei. Ich habe das Gefühl, mich in ein völlig sicheres Abenteuer zu stürzen», erzählt sie voller Begeisterung. Hirs ist von ihrem Potenzial derart überzeugt, dass er ihr die Aufnahme in das Nationalkader vorschlägt. In ihrem Innern weiss die ehemalige Reiterin und Sprinterin bereits, dass bald das nächste Kapitel in ihrem Sportlerinnenleben beginnen wird. Und es sollte alles wie von selbst und in hohem Tempo ablaufen.

Seit Ende 2021 trainiert sie nach dem Programm des ehemaligen Bahnspezialisten Cyrille Thièry, der nach den Olympischen Spielen in Tokio zurückgetreten ist und nun als Assistent von Dany Hirs wirkt. Anfang 2022 erhält sie ihr neues Wettkampf-Dreirad, im April nimmt sie erstmals an einem Trainingslager des Nationalteams teil. Unmittelbar danach bestreitet sie ihren ersten Wettkampf. Die Ergebnisse lassen nicht lange auf sich warten. Schon bei ihrer ersten Weltcupteilnahme erringt die Neo-Velofahrerin einen Platz auf dem Podest. Die Athletin geniesst ihren Erfolg und ist sich sicher, eine optimal auf ihre körperliche Verfassung abgestimmte Disziplin gefunden zu haben: «Ich bin an drei Stellen mit meinem Velo in Verbindung – auf dem Sattel, mit den Händen am Lenker und mit den Füssen an den Pedalen. Damit laufen unnötige Bewegungen, die mit meiner Behinderung verbunden sind, auf dem Velo ins Leere.»

Ihre Fortschritte sind beeindruckend und bescheren ihr Ende Mai ihre beiden EM-Titel. Es handelt sich – unter Berücksichtigung aller Disziplinen – um die ersten Titel in ihrer Karriere als Profisportlerin. «Ich habe ohne Frage eine der besten Saisons in meiner Karriere als Sportlerin hinter mir», lässt Celine van Till verlauten.

Die ehemalige Reiterin scheint die Hindernisse in ihrem Leben mit derselben Leichtigkeit zu überwinden wie einst als Heranwachsende mit ihrem Pferd. «Alles, was ich bis heute erreicht habe, habe ich meinem Unfall zu verdanken. Alles neu lernen zu müssen, ist auch ein Glück. Auf diese Weise konnte ich in mich hineinhören und weiss nun, dass alles möglich ist», hält sie fest.

Auch ausserhalb des Sports ist sehr vieles möglich. Als Rednerin und Autorin von zwei Büchern will die 31-jährige Athletin inspirieren und die Erkenntnisse aus den Lektionen, die sie vom Sport und ihrem Leben erhalten hat, weitergeben. Zudem kandidiert sie für den Grossen Rat des Kantons Genf. Eine in Genf ansässige Zeitung hat die Ankündigung der Kandidatur mit einem Foto der Sportlerin im Trikot der Europameisterin illustriert. «Ich habe immer Wert daraufgelegt, eine aussersportliche Aktivität beizubehalten», erklärt sie freudestrahlend und versichert, dass eine Karriere in der Politik ihrer Leidenschaft für den Radsport nicht im Wege stehen würde. «Solange es mir Spass macht, mache ich weiter!» Und wie war das nochmals mit den Paralympics? 2024 in Paris folgt die nächste Chance. Versteht sich von selbst, dass sich Celine van Till mit viel Herzblut auf die Spiele vorbereiten wird.

 

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